Bis
zum Jahre 1557 lebte der edle Erhard II. Vöhlin von Frickenhausen,
Freiherr von Illertissen und Neuburg/Kammel, auf der trotzigen Burg von
Illertissen. Er war ein frommer und dabei dem edlen Waidwerk
leidenschaftlich ergebener Herr, dem nichts lieber war, als in Gottes
freier Natur herumzuwandeln und in der schattigen Waldeinsamkeit auf das
flüchtige Wild zu pirschen.
Als
er eines Abends, von einem besonderen Jagdglück begünstigt, nach seiner
Burg zurück kehren wollte, begegnete ihm auf dem einsamen Waldweg eine
ärmlich gekleidete 'Frau, die kaum in Mitte der zwanziger Jahre stehen
mochte und von einer geradezu wunderbaren Schönheit war. Baron Erhard II.
von Vöhlin, damals noch unvermählt und von Natur schwärmerisch
veranlagt, geriet über diese plötzliche Begegnung in sichtliche
Verwirrung der Gefühle, die sich noch steigerte, als er nach der kurzen
Zwiesprache mit der einsamen Wanderin die Beobachtung machte, dass
dieselbe trotz ihrer ärmlichen Kleidung keineswegs den Eindruck eines
ungebildeten, geistig recht oberflächlichen Weibes machte, sondern im
Gegenteil, durch ihre trefflichen Antworten bekundete, dass sie inneren
Adel im Herzen behüte.
Diese
junge Frau, welche das Unglück hatte, ihren Mann, einen armen Taglöhner,
noch im ersten Jahr der Ehe in Folge eines Unfalls zu verlieren, stand
ganz allein auf der Welt. Um ihre Zukunft war es höchst traurig bestellt.
Ein hartes Los schien ihr auf alle Fälle in Aussicht zu stehen. Dies
alles konnte Erhard II. Freiherr von Vöhlin aus ihren treuherzig
gegebenen Erklärungen folgern. Eine seltsame Bewegung, gemischt aus
Mitleid und warmer, ja sogar herzlicher Zuneigung ergriff auf einmal sein
Inneres. Bereits nach wenigen Tagen stand sein Entschluss fest.
Diese
Taglöhnerswitwe, äußerlich zwar arm und "niedrig", doch
innerlich reicher als alle die Damen, die Erhard II. bisher kennen
gelernt, und hoch über den viel zu vielen Frauen der Alltäglichkeit
stehend, sollte sein "liebes und treues Ehegemahl" werden.
Trotzend einer Welt von Vorurteilen wollte er mit ihr am Altar den Bund
fürs Leben schließen.
Voller
Demut und Bescheidenheit nahm die bildschöne junge Witwe das ihr gebotene
Glück wie ein Geschenk des Himmels entgegen. Nicht die leiseste Spur des
Hochmuts, der Überheblichkeit war an der Überglücklichen zu bemerken.
Je näher der Tag einer niemals erträumten Erhöhung kam, desto
bescheidener und ergebungsvoller trat sie ihrem edlen zukünftigen Gatten
entgegen.
Nur
noch wenige Wochen trennten sie mehr von dem zur Vermählung bestimmten
Tag der Gnad und Huld. Da ward Erhard II. Vöhlin von Frickenhausen,
Freiherr von Illertissen von einer fast unwiderstehlichen Lust ergriffen,
sich dem edlen Waidwerk hinzugeben. Wohl hatte er auch die Absicht, mit
einer schönen, sogar seltenen Beute heim zu kehren und damit seine
herrliche Braut zu erfreuen. Schon ging die Sonne zur Rüste. Noch immer
war der leidenschaftliche Jägersmann im Walde draußen und vergaß die
Heimkehr.
Da
beschloss die treusorgende Braut ihrem Herzallerliebsten entgegen zu gehen
und durch ein unerwartetes Begegnen dem teuren Manne Freude zu bereiten.
Beinahe verirrte sich die Suchende. Sie geriet in einen ganz abgelegenen
Teil des Waldes und schließlich in ein solch dichtes Buschwerk,
dass ihr Herz auf einmal von einer jähen Angst ergriffen wurde. Mit
verdoppelter Anstrengung suchte sie sich durchs Gebüsch zu dringen, um
wiederum auf den richtigen Weg zu kommen.
Da
vernahm die junge Frau - schon begann es merklich zu dunkeln - in nicht
allzu großer Entfernung ein Knacken und Knarren wie von abgebrochenen
Ästen und Zweigen. Aber schon im nächsten Augenblick entfuhr ihr ein
lauter Schmerzensruf. Ein Pfeil hatte die Unglückliche mitten ins Herz
getroffen. Stöhnend die beiden Hände auf die blutende Wunde pressend
sank die Getroffene zu Boden.
Erhard
II. aber, ein Bild des Entsetzens und der Verzweiflung, stürzte herbei.
Er selbst war ja der "Mörder". Bei dem einbrechenden Dunkel und
dem dichten Gestrüpp hatte der Waidmann die heiß geliebte Braut für ein
Wild gehalten und den Todespfeil auf sie abgedrückt.
"Ottilie",
rief er vor der Sterbenden nieder sinkend, "kennst du nicht? Kannst
du mir vergeben?" Da sah sie den Unglücklichen mit einem
unbeschreiblichen Blick der Liebe, aber auch der Verzeihung an. Ein
schweres letztes Atmen und dann war sie tot.
Wer
könnte die Seelenqual, den ungeheuerlichen Schmerz vergebener Reue
schildern, welcher den bedauernswerten Baron Erhard II. durchtobte? Ein
hohes steinernes Kreuz ließ er an der Stelle errichten, wo das
schreckliche Unglück geschah. Durch große Taten der Barmherzigkeit
suchte er Ruhe und Vergebung für seine "Tat" zu finden, die nur
aus Jagdleidenschaft und Irrtum begangen wurde, die aber dennoch sein
ganzes Glück auf immer vernichtet hatte.
Von
Eduard A. Mayr aus: Der Heimatfreund, Nr. 5, 1991