In
der Mitte des zwölften Jahrhunderts, als noch Tausende im frommen Wahne
nach dem Lande pilgerten, wo der Heiland unter Menschen gewandelt war, um
dort im Kampfe gegen die Ungläubigen Sieg oder Tod zu finden - da
unternahm auch der schwäbische Graf von Marstetten, genannt der Möringer,
einen Kreuzzug nach Palästina, um an der Stelle, wo der Erlöser litt und
starb, die begangenen Sünden abzubüßen. Eine junge Gattin hinterließ
er daheim und eine einzige Tochter, die Erbin aller seiner Güter.
Sieben
lange Jahre waren der verlassenen Gattin dahin geschwunden und noch nicht
war er, der fromme Gatte, zurück gekehrt. Sie schickte Kundschafter aus
nach allen Gegenden, aber keiner fand seine Spur. Und als die Späher alle
wieder heim gekehrt waren und keine Kunde mitgebracht hatten, da legte
Emma Trauergewänder an, denn sie war überzeugt, dass der Heißgeliebte
nicht mehr lebe, sei er nun dem Schwerte der Sarazenen unterlegen; sei er
ein Raub der Meereswellen geworden. Aber nach jahrelangem Trauern da war
es ihr doch zu öde auf einsamer Burg, da weinte sie manche Träne schon
nicht mehr wegen des verlorenen Gatten, sondern dass sie in des Lebens
schönsten Jahren der Liebefreuden entbehren müsse. Auch gab es der edlen
Ritter nicht wenige, die um der schönen Witwe Hand baten. Unter ihnen war
auch Berchtold von Neuffen, ein rüstiger Ritter-Jüngling, und wie Emma
urteilte, ihrer Gegenliebe nicht unwürdig. Als sie einst beide auf dem
Balkon standen und ihre Blicke an der schönen Frühlingslandschaft
weideten, die vor ihnen ausgebreitet lag, fasste Berchtold ein Herz und
hielt um Emmas Hand an. Diese erklärte dagegen: "Sobald Ihr mir
Gewissheit verschafft, dass mein Gatte gestorben, so erhaltet Ihr meine
Hand." Berchtold durcheilte das Land und suchte jeden auf, der von
der Pilgerschaft aus Palästina zurück gekehrt war. Alle forschte er nach
dem Möringer aus, aber lange waren seine Nachforschungen vergebens, bis
er einen alten Knappen antraf, der fest und steif behauptete, er habe den
Möringer in einer Schlacht unter den Hieben der Sarazenen fallen gesehen.
Der
glückliche Jüngling eilte mit dem Greise nach dem Schloss zu Buch, wo
sich Emma aufhielt, damit sie aus des Augenzeugen Munde erfahre, dass sie
wirklich Witwe sei.
Der
Vermählungstag ward anberaumt. In lautem Jubel, beim Becher und frohen
Reigengetümmel ward er von Rittern und Knappen, von Edeldamen und Zofen
auf dem Schlosse zu Buch gefeiert. Schon senkte sich die Sonne des Tages,
und dunklere Schatten senkten sich über die Täler. Da kam ein armer
Pilger, entkräftet von den Beschwerden einer langen Reise, in der Mühle
am Fuße des Schlossberges an und bat um einen Erfrischungstrunk. Er
blickte zu der Burg hinauf und erkannte an den vom Kerzenlichte
strahlenden Zimmern, an den häufigen Schattengruppen, die hinter den hell
erleuchteten Fenstern vorüber schwebten, dass dort oben ein Freudenfest
gefeiert werde. Als er den Müller um die Ursache desselben fragte,
antwortete dieser: "Wahrlich - Ihr müsst weit hergekommen sein, dass
Ihr noch keine Kunde davon erhieltet, dass unsere gnädige Frau sich heute
mit Berchtold von Neuffen vermählt." "Wen nennt Ihr Eure
gnädige Frau?" fragte der Pilger hastig. "Gräfin Emma von
Marstetten. Der Möringer war ihr Gemahl, aber er zog in das ferne
Morgenland und fiel dort im Kampfe mit den Ungläubigen. Lange trauerte
die sittsame Wittib deshalb, bis sie nun einwilligt, des Neuffen
Ehegemahlin zu werden."
Wie
vom Blitze getroffen stand der Pilger ob des Gehörten, dann setzte er
rasch den Becher hin und verließ mit hastigen Schritten den erstaunten
Müller. Den Schlossberg flog er hinan, und zu den Geladenen drang er
hinein, trotz aller Widerrede, bis dahin, wo die glückliche Braut saß,
von des Bräutigams Armen umfangen. Unbemerkt warf er einen Ring in Emmas
Becher und blieb dann ruhig hinter ihrem Stuhle stehen, zu erwarten, was
daraus erfolgen würde. Bald sah er, wie Emma den Becher ergriff, - sein
Busen erhob sich, sein Herz pochte stürmend - er sah, wie sie den Becher
ansetzte, wie sie ihn rasch vom Munde nahm, wie sie erblasste, den Ring
aus dem Weine nahm und aufsprang von ihrem Sitze. Er hörte ihre Worte:
"Er ist da, er ist heim gekehrt! Wo der Ring ist, da kann er nicht
fern sein." "Wer?" fragte Berchtold bestürzt. "Mein
Gatte, mein einziger, mein rechtmäßiger Gemahl!" Staunend drängten
sich die Gäste näher, blickten umher im Zimmer, blickten wieder auf den
Ring, den die wonnetrunkene Emma noch immer in den Händen hielt.
Eine
leise Stimme flüsterte Emma zu: "Kennst du mich nicht, mein
trautes Weib?" Und sie erblickte den Pilger, prüfte seine Züge -
nur ein Augenblick, und sie lag in seinen Armen. Sprachlos war der
Liebenden Entzücken, aber eben so stumm auch des getäuschten Neuffen
Schmerz.
"Beruhige
dich, Berchtold von Neuffen", sprach der Möringer darauf, und
reichte dem Jüngling die ritterliche Rechte. "Ich will nicht, dass
meine Heimkehr Trauer einflöße in jemandes Herz. Konntest du die Mutter
lieben, so wirst du auch die Tochter nicht verschmähen. Noch wenige
Jahre, und sie wird mannbar sein; dann sei sie dein und mit ihr nach
meinem Tode alles Gut, das ich jetzt besitz." Unaussprechlich war die
Freude aller, und trunken vor Lust leerten die Ritter ihre Humpen auf das
Wohl des edlen Möringers und seines Weibes, auf das Wohl Neuffens und
seines Fräuleins.
Der
von Neuffen wartete gern noch einige Jahre, bis 1154 der Möringer ihm
seine Tochter gab und zugleich mit ihr die Herrschaften Marstetten und
Weißenhorn.