Trotz seiner vielen Aufträge
als Bildhauer war Rodt stets in Geldverlegenheit. Er war selbstredend auch
ein überaus beliebter Gesellschafter in Kneipen und auf Kirchweihen.
Einmal wollte er zwar eine Einladung zur Kirchweih nach Babenhausen
ablehnen. Doch zwei ebenso lustige Kunstjünger wie der weinselige Meister
überredeten ihn dennoch zu dieser Kirchenweihfahrt.
Die drei lustigen Gesellen
verabredeten einen Meisterstreich, mit dem sie sogar eine hübsche Summe
Geld zu verdienen hofften. Christoph Rodt machte sich durch eine Perücke
und einen feinen städtischen Anzug unkenntlich, denn in seinem
Alltagsanzug kannte ihn jedermann. So machten sich die drei Bohemiens auf
den Weg nach Babenhausen, gefolgt von einem Jungen, der in einem Bündel
des Meisters gewöhnlichen allbekannten Anzug trug.
In einem Wirtshaus zu
Babenhausen gaben sich die drei Kunstgenossen als Komödianten aus. Der
Wirt war sofort Feuer und Flamme, sie für eine Vorstellung zu gewinnen.
Sie stellten sich zwar, als ob ihnen daran gar nichts läge, da hier nicht
mit einem nennenswerten Verdienst zu rechnen sei. Aber der Wirt versprach
ihnen eine glänzende Einnahme. Der Herr "Gasthofrat" tat auch
seine Schuldigkeit und erzählte allen, dass am Abend Theater gespielt
würde. Die drei Gesellen hatten sich unterwegs bereits verabredet, wie
sie ihren Streich ausführen wollten. Während sich Christoph Rodt einige
Ankündigungszettel in kunstvoller Schrift anfertigte, bauten die beiden
anderen eine kleine Schaubühne im Tanzsaal. Das brachten sie mit Hilfe
von Bett- und Tischtüchern auch in kurzer Zeit leidlich fertig. Doch
wurde die Bühne so angelegt, dass zwei der Saalfenster mit hinein gebaut
und durch den Vorhang verdeckt wurden. Der Theaterzettel, den Christoph
Rodt verfasst hatte, verhieß, dass zuerst "Die fehlgeschlagene
Hoffnung" und als Nachspiel "Die betrogene Neugierde"
dargestellt werden solle. Als besondere Zugabe versprach der Zettel, die
Komödianten würden zum Schluss durch das Glas gehen, ohne es zu
zerbrechen. Dieser Zettel wurde an die Tür des Wirtshauses angeschlagen:
Jedermann, der vorbei ging, las ihn mit Verwunderung. Zuletzt verkündete
der Zettel, dass das sehnlich erwartete Spiel um sieben beginnen sollte.
Lange vor dieser Zeit stellten
sich die Einwohner mit Weib und Kindern ein. Christoph Rodt strich
schmunzelnd das Geld ein, denn er hatte sich selbst an den Kassentisch
gesetzt. Es war eine nicht unbedeutende Summe Geldes, die der berühmte
Bildhauer, als niemand mehr zu kommen schien und der Tanzsaal überdies
schon überfüllt war, in die Tasche stecken konnte. Von der ganzen
vorgeblichen Schauspieltruppe war nur er anwesend, denn seine beiden
Gefährten hatte er nach Illertissen zurückgeschickt. Ungeduldig
warteten die Babenhausener auf den Beginn der Vorstellung. Ganz besonders
lebhaft wurde die Frage erörtert, wie es die Komödianten wohl anstellen
mochten, durch das Glas zu gehen, ohne es zu zerbrechen. Der eine meinte,
das Glas würde wohl nur ein Bild sein, ein anderer ließ sich vernehmen,
dass sie das Wort Glas an den Türpfosten schreiben und dann durch die
Tür hinausgehen würden und andere hatten noch andere Meinungen.
So wäre es beinahe zu einem Streit gekommen. wenn der Schulmeister nicht
alle zum Schweigen gebracht hätte, als er ihnen erklärte, dass ein Glas
mit Hilfe der magischen Kunst dermaßen vergrößert werden könnte, dass
mehrere Menschen hindurch zu gehen vermöchten.
Alles schwieg, als der
verkleidete Christoph Rodt vor dem Vorhang erschien und den Musikanten,
die der Wirt besorgt hatte, ein Zeichen gab, die einleitende Bühnenmusik
nunmehr zu beginnen. Dann verschwand er wieder hinter dem Vorhang. Nun
musste es bald losgehen, aber die Zuschauer warteten und warteten. Es kam
immer noch nichts. Die Musikanten begannen nach einer Weile ein zweites
Stück. Die Turmuhr schlug sieben und der Vorhang regte sich indes
nicht.
Da wurden die Babenhausener
denn doch ungeduldig. Einer hatte sogar den Mut, den Vorhang ein wenig zur
Seite zu schieben und - da war alles leer, kein Mensch dahinter. Der Wirt
wurde gerufen, aber der wusste natürlich auch keine Auskunft zu geben.
In diesem Augenblick trat
Christoph Rodt durch die Eingangstür in den Tanzsaal, und zwar in seiner
gewöhnlichen Kleidung, als der allseits bekannte Bildhauer, der auch ein
Meister der fröhlichen Wissenschaft war. Er hatte unten im Garten, wo er
sein Bündel in der Kegelbahn niedergelegt hatte, schnell seinen Anzug
gewechselt und wurde hier mit einem wahren Sturm empfangen.
"Wir sind verraten,
beschissen, ausgebeutelt!" schrie man ihm entgegen. "Ja, was ist
denn eigentlich los?" fragte der Schöpfer schöner Dinge ganz
verwundert. "Ich denke, hier wird Komödie gespielt? Ich wollte mir
diese Gaudi doch auch mit ansehen."
Nun erzählte man dem lustigen
Bohemien, wie man von den Komödianten an der Nase geführt worden wäre.
Christoph Rodt schüttelte den Kopf, schaute hinter den Vorhang und sah
nun allerdings auch, dass gar nichts dahinter war. Da drehte er sich um
und rief laut: "Nun haltet erst einmal eure Goschen und hört mich
an. Den Wirt wollt ihr verantwortlich machen? Ja wofür denn? Und was
wollt ihr denn eigentlich? Ihr habt ja, was der Theaterzettel versprochen
hat."
Da tobte ein förmlicher Sturm
durch den Saal, minutenlang. Aber Christoph Rodt ließ ihn ruhig austoben
und fuhr dann fort: "Ja, der Theaterzettel hat euch doch nicht zu
viel versprochen. Hier steht doch schwarz auf weiß: "Die
fehlgeschlagene Hoffnung". Nun, seid ihr nicht hierher gekommen mit
der höchsten Hoffnung, einen riesigen Spaß zu erleben? Ist die Hofffnung
nicht fehl geschlagen? Also was wollt ihr weiteres? Da steht doch ferner
noch auf diesem Theaterzettel: als Nachspiel soll kommen: "Die
betrogene Neugierde". Na wie steht´s denn damit? Ist eure Neugierde
nicht betrogen worden? Ihr müsst doch selber eingestehen, dass die
Komödianten ihr Versprechen erfüllt haben.
Und nun seht dort das offene
Fenster! Ist das nicht etwa Glas? Da sind sie durch gegangen und haben es
gar nicht zerbrochen. Was wollt ihr denn weiteres? Ihr könnt den
Komödianten gar keinen Vorwurf machen, noch viel weniger dem Wirt. Dass
sie euch den Spaß haben bezahlen lassen, das geschah euch ganz recht. Ihr
hättet eben nicht zu neugierig zu sein brauchen."
So erklärte der schmunzelnde
Christoph Rodt den Babenhausern die mit ihnen gespielte Komödie. Damit
konnte er allerdings ihren Ärger, dass sie um ihr Geld betrogen waren,
nicht hinwegschwatzen. Es entstand trotzdem noch ein gewaltiger Radau.
Sie wollten sich durchaus am Wirt schadlos halten. Als der ihnen sehr
ärgerlich erklärte, dass sie um die paar Pfennige schon solchen Krach
machten und er doch der am meisten Geschädigte sei, da die
"Komödianten" gut gegessen und noch besser getrunken hätten
und ohne Bezahlung davon gegangen seien, da beruhigten sich die
Babenhausener allmählich. Schließlich vertranken die meisten sogar ihren
Ärger. Der geschädigte Wirt konnte noch eine anständige Rechnung
machen.