Kreisbildstelle Illertissen

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Die fehlgeschlagene Komödie von Babenhausen

Aus dem lachenden Leben des Bildhauers Christoph Rodt

In einem Babenhauser Lokal, dessen Name nicht überliefert ist, spielte sich vor mehr als 350 Jahren eine Geschichte ab, die über Generationen hinweg von einem unbekannt gebliebenen Chronisten festgehalten worden ist.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der in Neuburg a. d. Kammel geborene Bildhauer Christoph Rodt (1578 bis 1634), der sich durch sein besonders Temperament ausgezeichnet hat. Er hat seiner Nachwelt aber mehr als nur lustige Geschichten hinterlassen: So stammt der Hochaltar der Illertisser Pfarrkirche aus seiner Hand. Nun aber zur Geschichte, in der Christoph Rodt die Hauptrolle spielte:

Trotz seiner vielen Aufträge als Bildhauer war Rodt stets in Geldverlegenheit. Er war selbstredend auch ein überaus beliebter Gesellschafter in Kneipen und auf Kirchweihen. Einmal wollte er zwar eine Einladung zur Kirchweih nach Babenhausen ablehnen. Doch zwei ebenso lustige Kunstjünger wie der weinselige Meister überredeten ihn dennoch zu dieser Kirchenweihfahrt.

Die drei lustigen Gesellen verabredeten einen Meisterstreich, mit dem sie sogar eine hübsche Summe Geld zu verdienen hofften. Christoph Rodt machte sich durch eine Perücke und einen feinen städtischen Anzug unkenntlich, denn in seinem Alltagsanzug kannte ihn jedermann. So machten sich die drei Bohemiens auf den Weg nach Babenhausen, gefolgt von einem Jungen, der in einem Bündel des Meisters gewöhnlichen allbekannten Anzug trug.

In einem Wirtshaus zu Babenhausen gaben sich die drei Kunstgenossen als Komödianten aus. Der Wirt war sofort Feuer und Flamme, sie für eine Vorstellung zu gewinnen. Sie stellten sich zwar, als ob ihnen daran gar nichts läge, da hier nicht mit einem nennenswerten Verdienst zu rechnen sei. Aber der Wirt versprach ihnen eine glänzende Einnahme. Der Herr "Gasthofrat" tat auch seine Schuldigkeit und erzählte allen, dass am Abend Theater gespielt würde. Die drei Gesellen hatten sich unterwegs bereits verabredet, wie sie ihren Streich ausführen wollten. Während sich Christoph Rodt einige Ankündigungszettel in kunstvoller Schrift anfertigte, bauten die beiden anderen eine kleine Schaubühne im Tanzsaal. Das brachten sie mit Hilfe von Bett- und Tischtüchern auch in kurzer Zeit leidlich fertig. Doch wurde die Bühne so angelegt, dass zwei der Saalfenster mit hinein gebaut und durch den Vorhang verdeckt wurden. Der Theaterzettel, den Christoph Rodt verfasst hatte, verhieß, dass  zuerst "Die fehlgeschlagene Hoffnung" und als Nachspiel "Die betrogene Neugierde" dargestellt werden solle. Als besondere Zugabe versprach der Zettel, die Komödianten würden zum Schluss durch das Glas gehen, ohne es zu zerbrechen. Dieser Zettel wurde an die Tür des Wirtshauses angeschlagen: Jedermann, der vorbei ging, las ihn mit Verwunderung. Zuletzt verkündete der Zettel, dass das sehnlich erwartete Spiel um sieben beginnen sollte.

Lange vor dieser Zeit stellten sich die Einwohner mit Weib und Kindern ein. Christoph Rodt strich schmunzelnd das Geld ein, denn er hatte sich selbst an den Kassentisch gesetzt. Es war eine nicht unbedeutende Summe Geldes, die der berühmte Bildhauer, als niemand mehr zu kommen schien und der Tanzsaal überdies schon überfüllt war, in die Tasche stecken konnte. Von der ganzen vorgeblichen Schauspieltruppe war nur er anwesend, denn seine beiden Gefährten hatte er nach Illertissen zurückgeschickt. Ungeduldig warteten die Babenhausener auf den Beginn der Vorstellung. Ganz besonders lebhaft wurde die Frage erörtert, wie es die Komödianten wohl anstellen mochten, durch das Glas zu gehen, ohne es zu zerbrechen. Der eine meinte, das Glas würde wohl nur ein Bild sein, ein anderer ließ sich vernehmen, dass sie das Wort Glas an den Türpfosten schreiben und dann durch die Tür hinausgehen würden und andere  hatten noch andere Meinungen. So wäre es beinahe zu einem Streit gekommen. wenn der Schulmeister nicht alle zum Schweigen gebracht hätte, als er ihnen erklärte, dass ein Glas mit Hilfe der magischen Kunst dermaßen vergrößert werden könnte, dass mehrere Menschen hindurch zu gehen vermöchten.

Alles schwieg, als der verkleidete Christoph Rodt vor dem Vorhang erschien und den Musikanten, die der Wirt besorgt hatte, ein Zeichen gab, die einleitende Bühnenmusik nunmehr zu beginnen. Dann verschwand er wieder hinter dem Vorhang. Nun musste es bald losgehen, aber die Zuschauer warteten und warteten. Es kam immer noch nichts. Die Musikanten begannen nach einer Weile ein zweites Stück. Die Turmuhr schlug sieben und der Vorhang regte  sich indes nicht.

Da wurden die Babenhausener denn doch ungeduldig. Einer hatte sogar den Mut, den Vorhang ein wenig zur Seite zu schieben und - da war alles leer, kein Mensch dahinter. Der Wirt wurde gerufen, aber der wusste natürlich auch keine Auskunft zu geben.

In diesem Augenblick trat Christoph Rodt durch die Eingangstür in den Tanzsaal, und zwar in seiner gewöhnlichen Kleidung, als der allseits bekannte Bildhauer, der auch ein Meister der fröhlichen Wissenschaft war. Er hatte unten im Garten, wo er sein Bündel in der Kegelbahn niedergelegt hatte, schnell seinen Anzug gewechselt und wurde hier mit einem wahren Sturm empfangen.

"Wir sind verraten, beschissen, ausgebeutelt!" schrie man ihm entgegen. "Ja, was ist denn eigentlich los?" fragte der Schöpfer schöner Dinge ganz verwundert. "Ich denke, hier wird Komödie gespielt? Ich wollte mir diese Gaudi doch auch mit ansehen."

Nun erzählte man dem lustigen Bohemien, wie man von den Komödianten an der Nase geführt worden wäre. Christoph Rodt schüttelte den Kopf, schaute hinter den Vorhang und sah nun allerdings auch, dass gar nichts dahinter war. Da drehte er sich um und rief laut: "Nun haltet erst einmal eure Goschen und hört mich an. Den Wirt wollt ihr verantwortlich machen? Ja wofür denn? Und was wollt ihr denn eigentlich? Ihr habt ja, was der Theaterzettel versprochen hat."

Da tobte ein förmlicher Sturm durch den Saal, minutenlang. Aber Christoph Rodt ließ ihn ruhig austoben und fuhr dann fort: "Ja, der Theaterzettel hat euch doch nicht zu viel versprochen. Hier steht doch schwarz auf weiß: "Die fehlgeschlagene Hoffnung". Nun, seid ihr nicht hierher gekommen mit der höchsten Hoffnung, einen riesigen Spaß zu erleben? Ist die Hofffnung nicht fehl geschlagen? Also was wollt ihr weiteres? Da steht doch ferner noch auf diesem Theaterzettel: als Nachspiel soll kommen: "Die betrogene Neugierde". Na wie steht´s denn damit? Ist eure Neugierde nicht betrogen worden? Ihr müsst doch selber eingestehen, dass die Komödianten ihr Versprechen erfüllt haben.

Und nun seht dort das offene Fenster! Ist das nicht etwa Glas? Da sind sie durch gegangen und haben es gar nicht zerbrochen. Was wollt ihr denn weiteres? Ihr könnt den Komödianten gar keinen Vorwurf machen, noch viel weniger dem Wirt. Dass sie euch den Spaß haben bezahlen lassen, das geschah euch ganz recht. Ihr hättet eben nicht zu neugierig zu sein brauchen."

So erklärte der schmunzelnde Christoph Rodt den Babenhausern die mit ihnen gespielte Komödie. Damit konnte er allerdings ihren Ärger, dass sie um ihr Geld betrogen waren, nicht hinwegschwatzen. Es entstand trotzdem noch ein gewaltiger Radau. Sie wollten sich durchaus am Wirt schadlos halten. Als der ihnen sehr ärgerlich erklärte, dass sie um die paar Pfennige schon solchen Krach machten und er doch der am meisten Geschädigte sei, da die "Komödianten" gut gegessen und noch besser getrunken hätten und ohne Bezahlung davon gegangen seien, da beruhigten sich die Babenhausener allmählich. Schließlich vertranken die meisten sogar ihren Ärger. Der geschädigte Wirt konnte noch eine anständige Rechnung machen.