Am
11. Oktober 1882 wurde die Illertalbahn von Ulm bis Memmingen offiziell
eröffnet. Wiederum berichtet die Ulmer Schnellpost von diesem festlichen
Ereignis: "Der Morgen des 11.
Oktober brach an. Ein dichter Nebel lag höchst charakteristisch auf dem
Illertal. Die Neu-Ulmer Militärmusik rückt an und stellt sich auf dem
Ulmer Bahnhof auf. Im Wartesaal zweiter Klasse sind die Tische gedeckt,
werden doch hohe Gäste von München, Augsburg und Stuttgart erwartet.
Schon stehen die Herren von Memmingen, Mitglieder des Magistrats mit Degen
und Dreispitz, Mitglieder des Komitees mit Rosetten auf der Brust bereit,
die Gäste zu empfangen. So etwa um 9 Uhr fangen die Ulmer und Neu-Ulmer,
die eingeladen sind, allmählich an sich einzustellen... (es
folgt die Auflistung der Gäste, an deren Spitze Graf Wilhelm von
Württemberg, der Regierungspräsident von Schwaben und Neuburg, Frh. von
Lerchenfeld, Generaldirektor der Verkehrsanstalten usw.).
Nach
10 Uhr packten die Neu-Ulmer, die indessen fleißig geblasen hatten ihre
Noten zusammen. Die Frühstückstafel ward aufgehoben. Es war Zeit zum
Aufbruch.
Bis
Neu-Ulm, an dessen freundlich geschmücktem Bahnhof das erste Mal gehalten
wurde und weiter durch das Festungsthor bewegte sich der Zug auf den alten
Ulm - Augsburger Geleisen. Draußen aber verlässt der neue Schienenweg
die Straße und wendet sich im weiten Bogen der alten Memminger Straße
zu. Dieser Bogen verlängert zwar den Weg außerordentlich, und ein
gerader Weg vom Neu-Ulmer Bahnhof durch ein Thor bei der Harmonie wäre
für Ulm und Neu-Ulm eine außerordentliche Wohltat, aber ein solches darf
nicht durchbrochen werden.
Der
Nebel währte nicht lange. Noch ehe wir bei der Haltstation Senden
angelangten, war es so weit hell geworden, dass man den Gurrenhof und den
Freudenecker Hof erkannte. Das Stationshaus in Senden - noch wohnt, wie
bei fast allen Stationshäusern der Bahn in den öden Fensterhöhlen das
Grauen - war festlich geschmückt und brachte den Reisenden Schwarz und
Weiß ein Willkommen. Auf einem Kartoffelacker zur Linken war Sendens
Artillerie - zwei Böller - aufgestellt und begrüßte die
Willkommengeheißenen. Vor dem Donner der Geschütze zerteilte sich
vollends der Nebel. Wir fahren weiter. Dort rechts grüßt uns die
Steinlesmühle, links sehen wir Wullenstetten, Illerberg. Die Lokomotive
pfeift, um uns anzumelden.
Wir
sind in Vöhringen. Auch hier donnerten die Böller, Musik erscholl. Am
unfertigen, doch festlich herausgeputzten Bahnhof standen die Vöhringer.
Aussteigen, Grüßen, wieder Einsteigen, und Hurrah vorwärts! Die Bahn
rückt immer näher an die Iller. Hören wir nicht schon wieder den Donner
der Freudenböller? Dampfross halt an, hier musst du ausschnaufen, denn
hier ist Illertissen. Auf dem Bahnhof war Jubel und Leben. Der
Sängerkranz von Illertissen hatte Recht, wenn er das Lied anstimmte: Heil
uns, die Gottheit ist gewogen! Es war ein schöner Anblick, die Volksmenge
mit Fahnen und Standarten, der festlich geschmückte Bahnhof, der
improvisierte Tannenweg nach dem nahen Ort und drüber der Berg mit dem
ansehnlichen Schloss. Im Bahnhof selbst war ein Frühstückstisch
aufgestellt, wo zu den vortrefflichen Leckerbissen das berühmte
Illertissemer Bier in bester Qualität floss. Die Pause ging nur zu
schnell vorüber. Auf dem Dache des Bahnhofsgebäudes in Altenstadt war
eine schwarz-rot-goldene Flagge aufgerichtet. Kellmünz, die nächste
Station, bezeugt schon im Namen, wie uralt der Ort sei. Schon vor 1900
Jahren erbauten die Römer hier als Illergrenzveste ein Kastell und
nannten es in Erinnerung an einen Hügel, auf dem Rom erbaut war, Coelius
mons, welches in Kölmons und Kellmünz sich verändert hat. Fellheim und
Heimertingen sind die beiden letzten Stationen vor Memmingen. Auch auf
ihren Bahnhöfen wiederholte sich der Jubel und das "Heil unserm
König, Heil!" und Böllersalven und Hurrah und was noch alles dazu
gehört.
Das
Tal hat sich indessen erweitert, wir nahen dem Ziel. Dort ist es, dort
winken uns die Türme und von den Türmen die Fahnen entgegen. Memmingen!
Dort
der Bahnhof! Alles was Füße hat, ist draußen! Alles was Odem hat,
schreit: Hoch, Hoch! Wir sind am Ziel. In der offenen Halle des
Bahnhofsgebäudes, gegenüber dem prachtvollen Triumphbogen, der mit
Fahnen und Willkommgrüßen aufs Reichste geschmückt ist, stellen sich
die Gäste auf. Herr von Zoller, Memmingens Bürgermeister spricht Worte
freundlicher Begrüßung, freudigen Dankes. Der Präsident von Schwaben
und Neuburg, Freiherr von Lerchenfeld, erwidert den Gruß, wünscht der
Stadt Glück zu dem Erfolg ihrer rühmlichen Ausdauer und übergibt am
Schluss seiner Rede im Namen und Auftrag des Königs dem Bürgermeister
für dessen Verdienste den Verdienstorden des hl. Michael. Die Musik
spielt die Königshymne. Dann ergreift Generaldirektor von Brück mit
weithin schallender Stimme das Wort und erkärt die Eisenbahnlinie Ulm -
Memmingen für eröffnet."
Bei
der Eröffnung der Strecke fehlte übrigens noch ein Teil der heutigen
Stationen. Die Bahnhöfe und Haltepunkte NU - Finninger Straße,
Gerlenhofen, Bellenberg und Pleß wurden erst später errichtet. Zusammen
mit Gerlenhofen wurde am 15. Oktober 1897 eine Haltestelle Reutti
eröffnet - kurioser Weise fast 3 km abseits des Ortes dort, wo heute in
Schwaighofen die Reuttier Straße die Bahn kreuzt. Schon 1922 wurde diese
Station wieder geschlossen.
Auch
zwei Nebenstrecken der Illertalbahn wurden realisiert. Über eine "Vicinalbahn"
wurde Weißenhorn von Senden her angeschlossen. Eine reine Lokalbahn
führte von Kellmünz nach Babenhausen. Auf beiden Strecken ist der
Personenverkehr schon seit längerer Zeit eingestellt.