Kreisbildstelle Illertissen

Medienzentrale für Schule und Bildung

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89257 Illertissen

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Heimatfront Illertissen - Kriegsende in Illertissen 1945

Filmkommentar zu dem von der Kreisbildstelle 1995 produzierten gleichnamigen Video

Falls Sie Interesse an der Sache haben, können Sie das Video, das es auch als Medienverbund mit ausführlichem Begleitmaterial gibt, an der Kreisbildstelle ausleihen.

März 1945 - Die neuen Helden werden empfangen: kriegsunerfahrene, aber fanatische Fünfzehnjährige, Angehörige des Deutschen Volkssturms. Das letzte Aufgebot im längst verlorenen Krieg. Am 19. März 45 erteilt der Diktator diesen Befehl:

„Alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes ... nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“

Das bedeutet den Krieg gegen das eigene Volk. Durch den Luftkrieg war seit 1942 auch die deutsche Zivilbevölkerung ständig bedroht. 1945 verging  kaum ein Tag ohne Luftangriffe, z. B. auf Neu-Ulm. Tiefflieger beschossen aus Kirchturmshöhe beliebige Ziele.  Und schließlich fiel auch in Illertissen in der Auer Straße am 9. April eine Bombe.

Jetzt waren die feindlichen Truppen nicht mehr fern: Ende März überquerte die 7. US-Armee bei Mannheim den Rhein. In drei Stoßkeilen visierte sie Ulm an. Im Westen über Stuttgart, in der Mitte über Schwäbisch Gmünd und Ehingen, und im Osten über Crailsheim nach Dillingen, wo die unzerstörte Donaubrücke eingenommen wurde. Das war der erste Brückenkopf in der sogenannten Alpenfestung zwischen Iller und Donau. So verlief die Front am Abend des 22. April.

An Iller und Donau sollte der Feind endgültig zum Halten gebracht werden. Daher wurde hier im Laufe des Aprils eine Verteidigungslinie errichtet, die aus einer Konzentration von Ersatztruppen im Rothtal bestand - mit direkt an die Iller vorgeschobenen Infanterietruppen, z. B. lag eine solche in Au. Auf den Illerhöhen aber postierte man gegenüber den Brücken die letzten Kanonen, zwei davon hinter dem Schloss.

 Am 22. April verlor der „Größte Führer aller Zeiten“ die Nerven und beschloss, bis zum Ende in Berlin zu bleiben. Damit gab er den Krieg verloren. Alle weiteren Opfer waren somit sinnlos. Und dennoch: Hitler kapitulierte nicht!

Am Morgen des 24. Aprils liegt eine gespenstische Ruhe liegt über dem Markt Illertissen. Gegen 10 Uhr wird sie jäh durch einen Knall unterbrochen. Die Illerbrücke war von deutschen Soldaten gesprengt worden. Der näherrückende Feind soll aufgehalten werden. Auch die Flut- und Kanalbrücke werden zerstört. Bei der letzten Sprengung wird der kommandierende Leutnant durch einen weggeschleuderten Brocken getötet. Der erste Gefallene in Illertissen. Die Amerikaner stehen bereits im Illergrieß.

Nun beginnen die Kanonen hinter dem Schloss den Kampf. Die US-Panzer feuern zurück, das Illertisser Schloss versinkt in Qualm. Etwa zu dieser Zeit sprengen Wehrmachtssoldaten einen am Martinsplatz liegengebliebenen Panzer in die Luft und flüchten.

Und dann kommen sie: Herr Hörmann war Augenzeuge:

Die Amerikaner halten am Schwanen, halten an der Apotheke. Der Bürgermeister Alois Kolb und sein Stellvertreter Gössler werden geholt. In der guten Stube wird kurz über Dolmetscher verhandelt, mit Angstschweiß übergibt Kolb den Ort, um eine Zerstörung zu verhindern. Mit dem Bürgermeister an der Spitze ziehen die Sieger zum Rathaus. Einzelne Illertisser reichen ihnen Zigaretten, Schnaps und anderes. Die aber lehnten entschieden ab. An wichtig erscheinenden Punkten werden MG-Posten aufgestellt.

Illertissen war nun besetzt, der erste Brückenkopf der Amerikaner rechts der Iller. Soweit war alles friedlich verlaufen. Da kam von einem Einsatz aus Unterroth die Illertisser Feuerwehr die Steig herunter. Herr Wiest war damals dabei:

Noch schlimmer ging es einem Traktorfuhrwerk, das mit auswärtigen, bewaffneten Volkssturmleuten - 15-Jährige - aus der Krankenhausstraße am Pfarrhaus in die damalige Adolf-Hitler-Straße einbog. Hatten die Jungen den Auftrag, die Illertisser Volkssturmleute gegen die Amerikaner in den Kampf zu führen? In diesem Moment jedenfalls krachten MG-Salven,  die Jungen sprangen vom rollenden Fuhrwerk, dieses stoppte im gegenüberliegenden Zaun, die Jungen flüchteten in Deckung. Zwei von ihnen verbluteten, noch ehe sie den Eingang zur ehemaligen Mädchenschule fanden.

Und noch ein 4. Opfer forderte dieser 24. April in Illertissen: Im Verlauf des Nachmittags  zog US-Infanterie mit angeschlagener MP links und rechts der Ulmer Straße aus Illertissen hinaus. Da kam ihnen in seinem Auto der Illertisser Josef Kurz mit großer Geschwindigkeit entgegen. Die Soldaten eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer. Im Straßengraben kam das Fahrzeug zum Stehen. Der Illertisser Anton Mayer wird gezwungen, den Schwerverletzten auf einem Leiterwagen unter massivem amerikanischen Geleitschutz ins Krankenhaus zu fahren. Kurz starb noch am gleichen Tag.

Entlang den Hauptachsen Illertissens ließen die Amerikaner Häuser räumen und quartierten sich ein. Herr Eberle weiß zu berichten.

Am frühen Morgen des Mittwoch explodierten erneut Granaten in Illertissen. Herr Karrer kehrte soeben als Soldat in Zivilkleidung in sein Haus zurück. Eine Frau aus Augsburg war hier im Granathagel umgekommen. Diesmal kam der Beschuss  aus Osten, es waren also die Deutschen. Der Sinn dieser Beschießung wird bei Sonnenaufgang rasch klar: Die Rückeroberung Illertissens soll vorbereitet werden. Vom Osten her dringt Infanterie ein. Der Illertisser Alfons Raible wurde in seinem Elternhaus - hier in der Schützenstraße - Zeuge eines dramatischen Gefechts:

Unabhängig davon brechen in der Dunkelheit dieses Morgens von Westen her drei LKW deutscher Soldaten an der Illerbrücke durch. Sechs fallen im Kampf, die restlichen sammeln sich im E-Werk. Von dort schicken sie einen Spähtrupp nach Illertissen. Am Auer Bahnübergang überrascht diesen ein amerikanisches MG-Feuer. Drei oder vier von ihnen bleiben tot zurück. Die Amerikaner holten den Bürgermeister, der doch mit der Übergabe garantiert hatte, dass nicht mehr geschossen würde! Mit acht weiteren Illertissern verhandelte er mit den Soldaten,  bis sich diese dem Gegner freiwillig auslieferten.  Dennoch ging das Gerücht, dass Illertissen bombardiert würde. Daran kann sich Herr Eberle erinnern.

Die Angst der Illertisser war unbegründet. Die Amerikaner führten nun drei Truppenverbände über ihre Notbrücke und schwärmten nach Norden und Süden aus. Ein letztes Mal geriet Illertissen am Morgen des 26. April in Kriegsgefahr. Neuer deutscher Granatbeschuss. Die Amerikaner rüsten zum Vorstoß ins Rothtal. Ihre Panzer drängen sich die Steig hinauf. Die Granaten zwingen die Soldaten in Deckung. Von den östlichen Höhen des Rothtals verschießt die deutsche Artillerie ihre letzte Munition, um dann schleunigst nach Osten zu fliehen. Ein Treffer setzt einen Stadel an der Unterrother Straße in Brand, in dem deutsche Munition lagert. Ein Amerikaner, der darin Schutz suchte, verbrannte bis zur Unkenntlichkeit.

Nun erst begann eigentlich die Besatzungszeit. An die ersten Maßnahmen erinnert sich Herr Eberle:

Die ca. 300 bis 400 Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeiter in Illertissen - die sog. „Displaced Persons“ - erlebten nun ihre Befreiung. Herr Eberle erzählt:

Mysteriös sind bis heute zwei Leichen, die Anfang Mai an der Apotheke lagen: Ein US-Soldat und ein HJ-Junge, an beiden Spuren von Gewalt. Hatte hier ein fanatischer Hitler-Junge im Auftrag der NS-Untergrundorganisation - Werwolf -  einen US-Soldaten ermordet und die Tat selbst mit dem Leben bezahlt?

Ungeklärt ist auch der Tod des kurz zuvor verwundet heimgekehrten Michael Mang. Er wurde am 5. Mai von einem achtköpfigen US-Kommando abgeholt. Tags darauf fand man seine Leiche mit 13 Einschüssen von vorn am Gehrenwald. Heute mahnt eine Tafel im Gehrenwald an den Tod des letzten Illertisser Kriegsopfers.

Inschrift: „Nach der von Gott geschenkten Heimkehr aus dem 2. Weltkrieg musste Michael Mang, geboren am 11. April 1913 in Bellenberg. Am 5. Mai 1945 an dieser Stelle als Opfer blinden Hasses sein Leben lassen durch erschreckende Ungerechtigkeit. O hättet Ihr vom Menschen stets gedacht, Ihr hättet Solches sicher nicht gemacht. Wir wollen füreinander beten.“

Ein Opfer ungewöhnlicher Besatzerwillkür? Ein Opfer böswilliger Denunziation? Ein Opfer einer Verwechslung?

Das Ende der großen Katastrophe ließ auch im kleinen Illertissen niemand unberührt. Die Schwestern im Krankenhaus schrieben am Tag des Einmarsches in ihr Tagebuch: „Illertissen war nun in Feindeshand. Auf der einen Seite fühlten wir die Bedrückung, auf der anderen Seite aber waren wir froh, dass nun endlich diesem schrecklichen Krieg ein Ende gemacht wurde.“

 Von Georg Mahler