März
1945 - Die neuen Helden werden empfangen: kriegsunerfahrene, aber
fanatische Fünfzehnjährige, Angehörige des Deutschen Volkssturms. Das
letzte Aufgebot im längst verlorenen Krieg. Am 19. März 45 erteilt der
Diktator diesen Befehl:
„Alle
militärischen, Verkehrs-, Nachrichten- und Versorgungsanlagen sowie
Sachwerte innerhalb des Reichsgebietes, die sich der Feind für die
Fortsetzung seines Kampfes ... nutzbar machen kann, sind zu zerstören.“
Das
bedeutet den Krieg gegen das eigene Volk. Durch den Luftkrieg war seit
1942 auch die deutsche Zivilbevölkerung ständig bedroht. 1945 verging
kaum ein Tag ohne Luftangriffe, z. B. auf Neu-Ulm. Tiefflieger
beschossen aus Kirchturmshöhe beliebige Ziele. Und
schließlich fiel auch in Illertissen in der Auer Straße am 9. April eine
Bombe.
Jetzt
waren die feindlichen Truppen nicht mehr fern: Ende März überquerte die
7. US-Armee bei Mannheim den Rhein. In drei Stoßkeilen visierte sie Ulm
an. Im Westen über Stuttgart, in der Mitte über Schwäbisch Gmünd und
Ehingen, und im Osten über Crailsheim nach Dillingen, wo die unzerstörte
Donaubrücke eingenommen wurde. Das war der erste Brückenkopf in der
sogenannten Alpenfestung zwischen Iller und Donau. So verlief die Front am
Abend des 22. April.
An
Iller und Donau sollte der Feind endgültig zum Halten gebracht werden.
Daher wurde hier im Laufe des Aprils eine Verteidigungslinie errichtet,
die aus einer Konzentration von Ersatztruppen im Rothtal bestand - mit
direkt an die Iller vorgeschobenen Infanterietruppen, z. B. lag eine
solche in Au. Auf den Illerhöhen aber postierte man gegenüber den Brücken
die letzten Kanonen, zwei davon hinter dem Schloss.
Am
22. April verlor der „Größte Führer aller Zeiten“ die Nerven und
beschloss, bis zum Ende in Berlin zu bleiben. Damit gab er den Krieg
verloren. Alle weiteren Opfer waren somit sinnlos. Und dennoch: Hitler
kapitulierte nicht!
Am
Morgen des 24. Aprils liegt eine gespenstische Ruhe liegt über dem Markt
Illertissen. Gegen 10 Uhr wird sie jäh durch einen Knall unterbrochen.
Die Illerbrücke war von deutschen Soldaten gesprengt worden. Der näherrückende
Feind soll aufgehalten werden. Auch die Flut- und Kanalbrücke werden
zerstört. Bei der letzten Sprengung wird der kommandierende Leutnant
durch einen weggeschleuderten Brocken getötet. Der erste Gefallene in
Illertissen. Die Amerikaner stehen bereits im Illergrieß.
Nun
beginnen die Kanonen hinter dem Schloss den Kampf. Die US-Panzer feuern
zurück, das Illertisser Schloss versinkt in Qualm. Etwa zu dieser Zeit
sprengen Wehrmachtssoldaten einen am Martinsplatz liegengebliebenen Panzer
in die Luft und flüchten.
Und
dann kommen sie: Herr Hörmann war Augenzeuge:
Die
Amerikaner halten am Schwanen, halten an der Apotheke. Der Bürgermeister
Alois Kolb und sein Stellvertreter Gössler werden geholt. In der guten
Stube wird kurz über Dolmetscher verhandelt, mit Angstschweiß übergibt
Kolb den Ort, um eine Zerstörung zu verhindern. Mit dem Bürgermeister an
der Spitze ziehen die Sieger zum Rathaus. Einzelne Illertisser reichen
ihnen Zigaretten, Schnaps und anderes. Die aber lehnten entschieden ab. An
wichtig erscheinenden Punkten werden MG-Posten aufgestellt.
Illertissen
war nun besetzt, der erste Brückenkopf der Amerikaner rechts der Iller.
Soweit war alles friedlich verlaufen. Da kam von einem Einsatz aus
Unterroth die Illertisser Feuerwehr die Steig herunter. Herr Wiest war
damals dabei:
Noch
schlimmer ging es einem Traktorfuhrwerk, das mit auswärtigen, bewaffneten
Volkssturmleuten - 15-Jährige - aus der Krankenhausstraße am Pfarrhaus
in die damalige Adolf-Hitler-Straße einbog. Hatten die Jungen den
Auftrag, die Illertisser Volkssturmleute gegen die Amerikaner in den Kampf
zu führen? In diesem Moment jedenfalls krachten MG-Salven,
die Jungen sprangen vom rollenden Fuhrwerk, dieses stoppte im gegenüberliegenden
Zaun, die Jungen flüchteten in Deckung. Zwei von ihnen verbluteten, noch
ehe sie den Eingang zur ehemaligen Mädchenschule fanden.
Und
noch ein 4. Opfer forderte dieser 24. April in Illertissen: Im Verlauf des
Nachmittags
zog US-Infanterie mit angeschlagener MP links und rechts der Ulmer
Straße aus Illertissen hinaus. Da kam ihnen in seinem Auto der
Illertisser Josef Kurz mit großer Geschwindigkeit entgegen. Die Soldaten
eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer. Im Straßengraben kam das Fahrzeug
zum Stehen. Der Illertisser Anton Mayer wird gezwungen, den
Schwerverletzten auf einem Leiterwagen unter massivem amerikanischen
Geleitschutz ins Krankenhaus zu fahren. Kurz starb noch am gleichen Tag.
Entlang
den Hauptachsen Illertissens ließen die Amerikaner Häuser räumen und
quartierten sich ein. Herr Eberle weiß zu berichten.
Am
frühen Morgen des Mittwoch explodierten erneut Granaten in Illertissen.
Herr Karrer kehrte soeben als Soldat in Zivilkleidung in sein Haus zurück.
Eine Frau aus Augsburg war hier im Granathagel umgekommen. Diesmal kam der
Beschuss
aus Osten, es waren also die Deutschen. Der Sinn dieser Beschießung
wird bei Sonnenaufgang rasch klar: Die Rückeroberung Illertissens soll
vorbereitet werden. Vom Osten her dringt Infanterie ein. Der Illertisser
Alfons Raible wurde in seinem Elternhaus - hier in der Schützenstraße -
Zeuge eines dramatischen Gefechts:
Unabhängig
davon brechen in der Dunkelheit dieses Morgens von Westen her drei LKW
deutscher Soldaten an der Illerbrücke durch. Sechs fallen im Kampf, die
restlichen sammeln sich im E-Werk. Von dort schicken sie einen Spähtrupp
nach Illertissen. Am Auer Bahnübergang überrascht diesen ein
amerikanisches MG-Feuer. Drei oder vier von ihnen bleiben tot zurück. Die
Amerikaner holten den Bürgermeister, der doch mit der Übergabe
garantiert hatte, dass nicht mehr geschossen würde! Mit acht weiteren
Illertissern verhandelte er mit den Soldaten, bis
sich diese dem Gegner freiwillig auslieferten. Dennoch
ging das Gerücht, dass Illertissen bombardiert würde. Daran kann sich
Herr Eberle erinnern.
Die
Angst der Illertisser war unbegründet. Die Amerikaner führten nun drei
Truppenverbände über ihre Notbrücke und schwärmten nach Norden und Süden
aus. Ein letztes Mal geriet Illertissen am Morgen des 26. April in
Kriegsgefahr. Neuer deutscher Granatbeschuss. Die Amerikaner rüsten zum
Vorstoß ins Rothtal. Ihre Panzer drängen sich die Steig hinauf. Die
Granaten zwingen die Soldaten in Deckung. Von den östlichen Höhen des
Rothtals verschießt die deutsche Artillerie ihre letzte Munition, um dann
schleunigst nach Osten zu fliehen. Ein
Treffer setzt einen Stadel an der Unterrother Straße in Brand, in dem
deutsche Munition lagert. Ein Amerikaner, der darin Schutz suchte,
verbrannte bis zur Unkenntlichkeit.
Nun
erst begann eigentlich die Besatzungszeit. An die ersten Maßnahmen
erinnert sich Herr Eberle:
Die
ca. 300 bis 400 Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeiter in
Illertissen - die sog. „Displaced Persons“ - erlebten nun ihre
Befreiung. Herr Eberle erzählt:
Mysteriös
sind bis heute zwei Leichen, die Anfang Mai an der Apotheke lagen: Ein
US-Soldat und ein HJ-Junge, an beiden Spuren von Gewalt. Hatte hier ein
fanatischer Hitler-Junge im Auftrag der NS-Untergrundorganisation -
Werwolf -
einen US-Soldaten ermordet und die Tat selbst mit dem Leben
bezahlt?
Ungeklärt
ist auch der Tod des kurz zuvor verwundet heimgekehrten Michael Mang. Er
wurde am 5. Mai von einem achtköpfigen US-Kommando abgeholt. Tags darauf
fand man seine Leiche mit 13 Einschüssen von vorn am Gehrenwald. Heute
mahnt eine Tafel im Gehrenwald an den Tod des letzten Illertisser
Kriegsopfers.
Inschrift:
„Nach der von Gott geschenkten Heimkehr aus dem 2. Weltkrieg musste
Michael Mang, geboren am 11. April 1913 in Bellenberg. Am 5. Mai 1945 an
dieser Stelle als Opfer blinden Hasses sein Leben lassen durch
erschreckende Ungerechtigkeit. O hättet Ihr vom Menschen stets gedacht,
Ihr hättet Solches sicher nicht gemacht. Wir wollen füreinander
beten.“
Ein
Opfer ungewöhnlicher Besatzerwillkür? Ein Opfer böswilliger
Denunziation? Ein Opfer einer Verwechslung?
Das
Ende der großen Katastrophe ließ auch im kleinen Illertissen niemand
unberührt. Die Schwestern im Krankenhaus schrieben am Tag des Einmarsches
in ihr Tagebuch: „Illertissen war nun in Feindeshand. Auf der einen Seite
fühlten wir die Bedrückung, auf der anderen Seite aber waren wir froh,
dass nun endlich diesem schrecklichen Krieg ein Ende gemacht wurde.“
Von
Georg Mahler